OMT Orthopädische Manuelle Therapie

„STarT-Back Konzept” – Auch etwas für Deutschland?


4. September 2016 | Steffen Klittmann

Heute haben wir einen interessanten Gastbeitrag für Sie im OMT Blog. Pauline Kuithan ist OMT-Therapeutin und hat 2015 Ihren Master in Sportphysiotherapie an der deutschen Sporthochschule Köln abgeschlossen. In ihrer Masterarbeit befragte sie deutsche Physiotherapeuten zu dem „STarT-Back Konzept” und dessen Umsetzungsmöglichkeiten im deutschen Gesundheitssystem.

Viel Spaß beim Lesen!

 

Das Konzept

Das „STarT-Back Konzept” nutzt zur Einschätzung der Prognose einen Fragebogen mit neun Fragen, bei welchem Menschen mit Rückenschmerzen drei unterschiedlichen Behandlungspfaden zugeordnet werden können. Dieser Fragebogen wird im englischen Gesundheitssystem klassischerweise in der Hausarztpraxis an Patienten ausgegeben.

STarT Back Therapie

STarT-Back Therapieschema

 

Alle Patienten bekommen eine physiotherapeutische Basisuntersuchung und eine Beratung zum Selbstmanagement der Beschwerden. Patienten, die ein niedriges Risiko für langfristige Probleme haben, also eine sehr gute Prognose, erhalten in dieser Sitzung zusätzlich Antworten auf ihre Fragen. Weiterhin sehen die Patienten eines kurzes Video und bekommen eine Broschüre zur Aufklärung über Rückenschmerzen und die Empfehlung aktiv zu bleiben.

Die Patienten mit einem mittleren Risiko bekommen zunächst die gleiche Therapie wie die erste Gruppe, zusätzlich jedoch bis zu 6 Sitzungen á 30 Minuten Physiotherapie. Diese sind am aktuellen Stand der Wissenschaft (evidenzbasiert) orientiert und verfolgen das Ziel einer Funktionsverbesserung. Dies geschieht z.B. mittels Manuelle Therapie und der Erstellung eines individuellen Übungsprogramms.

Patienten, die Anzeichen für einen ungünstigen Krankheitsverlauf zeigen, erhalten bis zu 6 Sitzungen á 45-60 Minuten psychologisch-orientierte Physiotherapie. Psychologisch-orientierte Physiotherapie hat zusätzlich zu der klassischen Physiotherapie das Ziel, einen besseren Umgang mit den Beschwerden zu finden. Es ist mehr als verständlich, dass manche Patienten mit Schmerzen Angst vor Bewegung entwickeln und viele Dinge im Alltag vermeiden. Dies kann zu massiven Einschränkungen im Alltag und sozialen Umfeld führen. Weiterhin stehen diese Faktoren einer Verbesserung der Beschwerden im Weg und sollen daher mit Hilfe von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten erkannt und Schritt für Schritt aufgelöst werden. Die Gedanken und Gefühle über die eigenen Schmerzen, der Umgang damit, sowie Probleme bei der Arbeit und im persönlichen Umkreis können dabei eine große Rolle spielen. Hier finden Sie den Originaltext auf Englisch.

Das Ergebnis einer umfangreichen und qualitativ hochwertigen Studie (Hill et al. 2011) in England zeigt, dass sich mit der Einteilung von Menschen mit Rückenschmerzen nach dem „STarT-Back-Konzept” im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die klassische Physiotherapie erhielt, die Patientenzufriedenheit verbesserte, die Patienten weniger Alltagseinschränkungen und Krankheitstage aufzeigten und zugleich sogar Kosten für das Gesundheitssystem gesenkt werden konnten.

 

Abschlussarbeit

In der Abschlussarbeit von Pauline Kuithan wurden insgesamt 19 deutsche Physiotherapeuten, darunter auch OMT-Therapeuten, in Diskussionsrunden zu dem „STarT-Back-Konzept” selbst und zu einer möglichen Einführung des Systems in Deutschland befragt. Eine Umsetzung wurde begrüßt, jedoch müssten hierfür viele berufspolitische Rahmenbedingungen geändert werden. Die aus den Diskussionen entstandenen „Zitate” der Physiotherapeuten zeigen einerseits, dass deutsche Physiotherapeuten das Konzept fachlich umsetzen können und das größere Problem eher in den Rahmenbedingungen gesehen werden. Anderseits deuten andere „Zitate” der Therapeuten darauf hin, dass die derzeitige Versorgung von Patienten mit Kreuzschmerzen in Deutschland noch größere fachliche und inhaltliche Differenzen im Vergleich zum „STarT-Back-Konzept” aufweisen. Ein modifiziertes Ausbildungscurriculum für Physiotherapeuten in Deutschland sollte für eine flächendeckende Umsetzung ausgearbeitet und untersucht werden.

Die Arbeit unter der Betreuung von Prof. Karstens war Teil eines größeren Projektes der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg. So entstand zum Beispiel ein ähnliches Projekt mit Hausärzten, die gegenüber der Umsetzung des STarT-Back Konzeptes durch Physiotherapeuten positiv eingestellt sind (Karstens et al. 2015).

Da die Versorgung von Patienten mit Rückenbeschwerden international eine hohe Nachfrage verzeichnet, repräsentierte Pauline Kuithan die Arbeit des Autorenteams auf einem deutschen, sowie auf zwei internationalen Kongressen mit einer Poster Präsentation. Das „International Back and Neck Pain Forum” in England, sowie der „Weltkongress für Manuelle Therapie (IFOMPT)“ boten zeitgleich die Möglichkeit, sich in den verschiedensten Themen über den aktuellen Forschungsstand zu informieren, Ideen für die Umsetzung in die Praxis zu entwickeln und spannende Diskussionen zu führen.
Der Einsatz des „STarT-Back-Konzept” und eine damit einhergehende abgestufte Behandlung, scheint auch für Deutschland ein interessantes Modell zu sein, welches zu einer besseren Versorgung von Patienten mit Rückenschmerzen führen könnte.

Pauline Kuithan, IFOMPT Kongress 2016 in Glasgow

Pauline Kuithan, IFOMPT Kongress 2016 in Glasgow                   Quelle: IFOMPT Facebook

 

Autorin:
Pauline Kuithan, M.Sc. Sportphysiotherapie, Master of Manual Therapy, OMT-DVMT®

Fakultät für Therapiewissenschaften, SRH Hochschule Heidelberg
Studiengang Master of Science in Sportphysiotherapie, Deutsche Sporthochschule Köln

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